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18.01. Patrozinium in der Bergkirche

Paulus von Theben, den die Kirche als „ersten Einsiedler“ verehrt, wirkt auf den ersten Blick wie eine Gestalt aus einer anderen Welt und doch erzählt seine Geschichte von einer Sehnsucht, die Menschen bis heute kennen: in der Stille Gott zu begegnen und im Vertrauen auf ihn zu leben. Nach der Überlieferung wurde Paulus um das Jahr 228 in Theben in Ägypten geboren, in einer Zeit, in der das Christsein immer wieder mit Verfolgung und Unsicherheit verbunden war. Als unter Kaiser Decius eine besonders harte Verfolgung ausbrach, floh der junge Paulus in die Wüste, zunächst nur, um sein Leben zu retten doch aus dem vorübergehenden Versteck wurde ein Lebensweg.

In einer Höhle, tief im ägyptischen Wüstengebirge, fand Paulus den Ort, an dem er bleiben sollte. Eine Quelle spendete Wasser, eine Dattelpalme gab Früchte und Blätter, und ein Rabe brachte ihm – so erzählt die Legende – jeden Tag ein Stück Brot. Für die frühe Kirche wurde dieses Bild zu einem sprechenden Symbol: Wer sich ganz auf Gott verlässt, dem wird nichts fehlen, was wirklich nötig ist. Paulus lebte dort Jahrzehnte in großer Einfachheit, im Gebet und in der Betrachtung der Heiligen Schrift, fern von Städten und Lärm, aber ganz wach für die Gegenwart Gottes.

Berühmt wurde Paulus vor allem durch eine Begegnung: Der Mönchsvater Antonius, selbst eine prägende Gestalt der frühen Mönchsbewegung, soll in einer Vision von einem noch älteren und verborgenen Freund Gottes erfahren haben und sich auf den Weg zu ihm gemacht haben. Nach langem Suchen fand er schließlich die Höhle des greisen Paulus. Die beiden alten Männer, so schildert es die Legende, verbrachten die Zeit miteinander im Gebet und im Gespräch über die Größe Gottes – ein stilles, aber eindrucksvolles Bild geistlicher Freundschaft. Als Paulus kurz darauf starb, heißt es, zwei Löwen hätten Antonius geholfen, das Grab auszuheben: Die Schöpfung selbst ehrt den, der sein Leben ganz Gott anvertraut.

Schon der Kirchenvater Hieronymus war von dieser Gestalt so fasziniert, dass er um 376 eine Lebensbeschreibung des Paulus verfasste. Dadurch wurde Paulus von Theben zu einem Vorbild für Generationen von Menschen, die sich in Einsamkeit und Einfachheit Gott weihen wollten. In ihm sah man den Prototypen des christlichen Einsiedlers: einen Menschen, der alles andere loslässt, um im Hören auf Gott frei zu werden. Bis heute erinnert sein Gedenktag im Januar daran, dass die Kirche ihre Wurzeln auch in der Wüste hat an Orten, an denen nichts Ablenkendes übrig bleibt außer der Frage nach Gott.

Aus dieser spirituellen Tradition heraus entstand im 13. Jahrhundert der Orden des hl. Paulus des ersten Einsiedlers, die Pauliner. In Ungarn und Kroatien lebten damals viele Eremiten, die sich an den Wüstenvätern orientierten und oft sehr abgeschieden in Wäldern und Gebirgen wohnten. Der Kanoniker Eusebius von Gran erkannte, dass diesen Männern eine gemeinsame Lebensform gut tun würde: Er sammelte sie, gab ihnen eine Regel und zeigte ihnen Paulus von Theben als geistlichen Patron als einen, der ihnen vorlebt, wie aus Einsamkeit echte Gemeinschaft mit Gott erwächst.

Mit der Anerkennung durch die Päpste im 13. und frühen 14. Jahrhundert wandelte sich die lose Eremitenbewegung zu einem Orden mit fester Gestalt. Die Pauliner nahmen die Regel des hl. Augustinus an und verbanden das Erbe der Einsiedler mit dem gemeinsamen Chorgebet und dem Dienst an den Menschen. Was sie unverwechselbar machte, war diese Spannung: einerseits die Liebe zur Stille, zur inneren Sammlung, zur Buße; andererseits die Bereitschaft, als Prediger, Beichtväter und Wallfahrtsseelsorger mitten in der Kirche zu stehen.

Im Laufe der Jahrhunderte breitete sich der Orden vor allem in Ost- und Mitteleuropa aus. Ein geistliches Herz des Ordens wurde der Wallfahrtsort Jasna Góra in Częstochowa mit dem Gnadenbild der Schwarzen Madonna: Hier hüten die Pauliner seit dem 14. Jahrhundert eine Ikone, die für Millionen von Pilgern zu einem Zeichen der Nähe Marias und der Treue Gottes geworden ist. Gerade in schweren Zeiten der polnischen Geschichte wuchs hier eine Spiritualität, die ganz vom Vertrauen auf Gottes Mutter und vom stillen, beharrlichen Gebet lebt ganz im Geist des Wüstenheiligen, der im Verborgenen auf Gott vertraute.

Auch im deutschsprachigen Raum schlug der Orden Wurzeln. Schon im 14. Jahrhundert entstanden erste Paulinerklöster in den damaligen Territorien des Reiches; in Bayern etwa wurde 1396 das Kloster St. Oswald bei Maihingen gegründet. Die Pauliner waren Mönche und Seelsorger zugleich: Sie feierten die Liturgie, begleiteten Wallfahrer, predigten und hörten Beichte stets aus einer Spiritualität heraus, die vom stillen Gebet und der Verbundenheit mit dem ersten Einsiedler geprägt war.

Doch die Geschichte war auch von Brüchen gezeichnet. Reformation, politische Umwälzungen, die Reformen der Aufklärung und schließlich die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts schwächten viele Orden, auch die Pauliner. Nach und nach wurden die Klöster aufgehoben; 1807 verschwand der Orden vollständig aus den deutschen Landen. Zurück blieben Kirche, Ortsnamen und Geschichten, in denen sich noch die Erinnerung an jene „weißen Mönche“ mit der besonderen Liebe zur Stille und zum marianischen Gebet hielt.

Mehr als anderthalb Jahrhunderte sollte es dauern, bis sich dieses Kapitel wieder öffnete. In April 1981 kamen Paulinerpatres aus Polen nach Bayern und übernahmen das einstige Kloster St. Salvator bei Mainburg in der Diözese Regensburg. Damit knüpften sie bewusst an die alte Tradition an: wieder Mönche in weißem Habit, wieder ein Leben aus Eucharistie, Stundengebet, Beichte und Wallfahrtsseelsorge und im Hintergrund der leise, aber kraftvolle Patron Paulus, der erste Einsiedler.

In den folgenden Jahren entstanden weitere Niederlassungen. Die Pauliner betreuen heute unter anderem Wallfahrtskirchen und Klöster in Altötting, Passau (Mariahilf), Erding und Todtmoos ins Schwarzwald; sie stehen an den Beichtstühlen, gestalten Wallfahrten, halten Exerzitien und begleiten Menschen, die in der Hektik des Alltags wieder eine „innere Wüste“ suchen – Orte der Sammlung, an denen Gott neu hörbar wird.

So erzählt die Geschichte des hl. Paulus, des ersten Einsiedlers, und des nach ihm benannten Ordens auch in Deutschland von einem Weg, der immer wieder neu beginnt. Von der ägyptischen Wüste bis zu bayerischen Wallfahrtsorten zieht sich eine Linie: Menschen lassen sich vom Evangelium herausrufen aus dem Lärm, suchen die Stille vor Gott – und werden gerade so gesandt zu den anderen. In Paulus von Theben findet dieser Weg sein leuchtendes Urbild, in den Paulinern seine konkrete Gestalt heute: im Gebet, in der Eucharistie, in der treuen Seelsorge und in der Einladung, inmitten unserer Zeit wieder neu von Gott überrascht zu werden.