Erinnerungen an die Amtszeit von Pfarrer Weinzierl

Obwohl die Hopfenernte in vollem Gange war, und der Hopfen damals noch eine weit größere Rolle spielte als heute, war die Pfarrkirche in Rudelzhausen bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Alle waren gekommen um ihren neuen Pfarrer kennen zu lernen, und mit ihm zum ersten mal Eucharistie zu feiern. Damals, am Abend des ersten Samstags im September 1980, als Georg Weinzierl Pfarrer von Rudelzhausen wurde. Als der neue Pfarrer, begleitet von Ministranten einer großen Zahl von Kindern und Jugendlichen und vielen Gläubigen  in die festlich geschmückte Kirche eingezogen war, wurde er von dem damaligen Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Eduard Priller als neuer Pfarrherr der Pfarrgemeinde Rudelzhausen begrüßt. Und Herr Priller stellte dem Geistlichen seine zukünftige Wirkungsstätte als eine Pfarrei mit einer über 1200-jährigern Geschichte vor.

Anschließend ergriff Pfarrer Weinzierl das Wort und sagte, dass er sich der Aufgabe und der Verantwortung die nun vor ihm liege bewusst sei und versprach stets sein Bestes zu geben. „Aber“, so sagte er, „ich möchte nicht Pfarrherr sein, sondern ich bin gekommen um bei euch Dienst zu tun.“ Ein Dienst der ihn für den Rest seines Lebens begleiten sollte.

Zu einer Zeit, als das Wort Pfarreiengemeinschaft noch nicht erfunden war, und jeder Pfarrer nur für eine Pfarrei zuständig war, sorgte Pfarrer Weinzierl dafür, dass sonntags nicht nur in der Pfarrkirche, sondern möglichst auch in allen Filialkirchen regelmäßig Gottesdienste stattfanden. Die Gottesdienste waren damals meist auch gut besucht.

Aber auch um die Leute, die nicht in die Kirche kamen, kümmerte sich Pfarrer Weinzierl.

Er sprach sie einfach dort an, wo er sie antraf. Sei es bei der Arbeit, auf der Straße, in diversen Vereinen oder im Wirtshaus. Seine Kontaktfreudigkeit und wohl auch die Tatsache, dass er selbst in einem Wirtshaus aufgewachsen war, kamen ihm hier zugute.

Eine besondere Aufgabe sah Pfarrer Weinzierl darin, sich um Kranke zu kümmern. Zahlreiche Krankenbesuche zeugen davon. Waren es jeden Sonntagvormittag drei Messen, die er zelebrierte, verbrachte er den Sonntagnachmittag, sofern nicht eine Taufe oder ein Seelsorgegespräch geplant war, damit, Kranke aus der Pfarrei oft auch in entfernt liegenden Krankenhäusern zu besuchen. Kein Weg war ihm da zu weit. Stellte er zufällig fest, dass in einer Klinik, in der jemand aus seiner Pfarrei war, auch jemand aus einer Nachbarpfarrei war, wurde selbstverständlich auch dieser besucht.  Auf diese Weise wurde Pfarrer Weinzierl weit über die Grenzen seiner Pfarrei hinaus bekannt und beliebt.

Seine wenige Freizeit verbrachte Georg Weinzierl mit Lesen. Denn es waren nicht zuletzt seine vielen Bücher, aus denen er sich die Inspirationen für seine Predigten holte.

Er lachte mit den Fröhlichen und tröstete die Traurigen, er war gern gesehener Unterhalter in fröhlicher Runde und geduldiger Zuhörer all jener, die ihm ihre Sorgen anvertrauten. Manchmal wurde er zu einem Sterbefall gerufen, und sollte wenige Stunden darauf bei einer Geburtstagsfeier wieder gute Laune verbreiten. Einmal sagte er über seine Arbeit: „Oft muss der Mund schon wieder lachen, auch wenn das Herz noch voller Trauer ist“. Und ein andermal: „Manchmal sage ich, lieber Gott, hättest du die Menschen doch einfacher erschaffen, dann hätten wir es beide leichter“.

Während seiner Amtszeit Hat Pfarrer Weinzierl 693 Kinder getauft, 215 Paare getraut 492 Verstorbene zum Friedhof begleitet, und über 13.000 Messen zelebriert.

Nach 25 Dienstjahren übergab er die Pfarrei Rudelzhausen in jüngere Hände und zog sich nach Steinbach zurück um dort als Benefiziat zu arbeiten. Wenn nun auch Steinbach der Mittelpunkt seines Wirkens war, half Georg Weinzierl als Ruhestandsgeistlicher auch weiterhin in der Pfarrgemeinde mit, unterstützte seinen Nachfolger, wenn dieser ihn brauchte, und übernahm darüber hinaus noch zahlreiche Aushilfen in verschiedenen Pfarreien der Umgebung.

Wenige Jahre nach seinem Eintritt in den Ruhestand, wurde bei Herrn Weinzierl ein Tumor diagnostiziert, gegen den er zwar noch einige Jahre tapfer ankämpfte, der ihm aber mehr und die Kraft raubte. Er, der so viele Kranke besucht und ihnen Trost gespendet hatte, war nun selbst Patient geworden.

Mehrere hundert Male hatte Pfarrer Weinzierl in der Präfation für Verstorbene gesungen: „Wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet“. Am 27.  April 2012 ist er von seiner irdischen Herberge in seine himmlische Wohnung umgezogen.

Viele waren zu seiner Beerdigung gekommen, und bei seinem Requiem waren im Presbyterium der Pfarrkirche Rudelzhausen so viele Priester wie vielleicht niemals zuvor.

Objektiv betrachtet liegt die Zeit von Pfarrer Weinzierl, an die sich viele von uns gerne erinnern, noch gar nicht so arg weit zurück. Verglichen aber mit den heutigen Problemen der Kirche (Priestermangel, schwindende Zahl von Gottesdienstbesuchern, Kirchenaustritte ect.) erscheint uns manche Erinnerung an ihn, fast wie eine Geschichte aus der „guten alten Zeit“.

Doch es war nicht nur die gute alte Zeit, es war auch das segensreiche Wirken eines Mannes, der mit Leib und Seele Pfarrer war, weil er aus Überzeugung das Wort Jesu Christi lebte: „Was ihr für einen einer meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihm mir getan.“ (Mt 25,40)

Jakob Högl / Rudelzhausen

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